Wahrnehmung und Interpretation: Wie gehen wir mit Eindrücken um?

„Hier fühlt es sich eng an“ und „Meine Familie lässt mir keinen Raum“ sind unterschiedliche Aussagen. Die erste beschreibt ein Erleben in einer bestimmten Situation. Die zweite gibt diesem Erleben eine Bedeutung und bezieht es auf andere Menschen. In einer Aufstellung können beide Sätze auftauchen. Hilfreich wird die Betrachtung, wenn ihr Unterschied erkennbar bleibt.

Wahrnehmung und Interpretation lassen sich im Erleben nicht immer sauber nacheinander beobachten. Für das Gespräch können wir sie dennoch auseinanderhalten: Was bemerke ich gerade? Welche Erklärung kommt mir dazu in den Sinn? Was weiß ich tatsächlich über die Situation außerhalb des Raumes?

Was ist hier mit Wahrnehmung gemeint?

Gemeint sind Eindrücke, die Sie in diesem Moment beschreiben können: ein Abstand, eine Blickrichtung, ein körperliches Empfinden oder eine aufkommende Erinnerung. Auch diese Beschreibung ist an Ihre Perspektive gebunden. „Ich bemerke, dass ich wegschauen möchte“ ist genauer als „Diese Position ist falsch“.

Ein solcher Satz muss nicht sofort erklärt werden. Er kann zunächst als Beobachtung stehen bleiben. Die Bedeutung einer Markierung oder Figur wird vereinbart; sie ist nicht von Natur aus mit einer bestimmten Person oder Wirkung verbunden. Den methodischen Rahmen erklärt Was ist eine systemische Aufstellung?

Wann wird aus einem Eindruck eine Deutung?

Sobald Sie eine Ursache, ein Motiv oder eine allgemeine Bedeutung hinzufügen, entsteht eine Interpretation. „Ich bin unruhig, weil mein Kollege mich ablehnt“ verbindet ein eigenes Erleben mit einer Annahme über den Kollegen. Die Annahme kann zutreffen oder nicht. Die Unruhe allein beweist sie nicht.

Deutungen müssen deshalb nicht verboten werden. Sie sollten als Möglichkeiten besprechbar bleiben. Eine Frage wie „Könnte es auch damit zusammenhängen, dass mir Informationen fehlen?“ öffnet einen anderen Blick, ohne eine neue Gewissheit an die Stelle der alten zu setzen.

Ein Beispiel mit drei Ebenen

Das folgende Beispiel ist erfunden. Eine Frau betrachtet Markierungen für ihre berufliche Aufgabe und ein neues Angebot. Sie sagt: „Wenn ich neben dem neuen Angebot stehe, werde ich unruhig.“ Dafür lassen sich drei Ebenen unterscheiden.

  • Wahrnehmung: Sie bemerkt Unruhe an dieser Position.

  • Interpretation: Sie vermutet, dass die neue Aufgabe nicht zu ihr passt.

  • Überprüfbare Information: Die Arbeitszeiten der neuen Stelle sind noch nicht geklärt.

Es wäre vorschnell, das Angebot allein wegen des Eindrucks abzulehnen. Ein möglicher nächster Schritt ist die Nachfrage nach den Arbeitszeiten. Anschließend lässt sich die Entscheidung mit dieser Information erneut betrachten. Mehr zum Anwendungsfeld unter eine berufliche Entscheidung aufstellen.

Was gilt für Eindrücke über abwesende Menschen?

Auch wenn eine Figur für Ihre Mutter oder Ihren Partner steht, ist das Erleben an dieser Stelle keine Auskunft dieser Person. Eine Erinnerung wird durch ihre Intensität nicht automatisch zu einem Nachweis. Unbekannte Ereignisse, Diagnosen oder verborgene Absichten lassen sich aus einer Anordnung nicht feststellen.

In der Potsdamer Erklärung kritisiert die Systemische Gesellschaft den Anspruch, eine übergeordnete Wahrheit zu besitzen. Für meine Arbeit bedeutet das: Ein Eindruck muss im Gespräch offen geprüft werden können. Er darf Ihrer Erfahrung widersprechen, ohne dass daraus ein Fehler Ihrerseits gemacht wird.

Welche Fragen helfen beim Einordnen?

  • Wie würde ich den Eindruck beschreiben, ohne ihn bereits zu erklären?

  • Welche andere Erklärung wäre ebenfalls denkbar?

  • Was habe ich selbst erlebt, was wurde mir erzählt und was vermute ich?

  • Welche Information brauche ich von den tatsächlich Beteiligten?

  • Welche Bedeutung möchte ich dem Eindruck vorläufig geben?

Diese Fragen sind redaktionelle Anregungen. Sie bilden keine wissenschaftliche Prüfung einer Aufstellung. Sie können helfen, zwischen einer persönlichen Reflexion und einer Tatsachenbehauptung zu unterscheiden.

Wahrnehmen und anschließend im Alltag prüfen

Ein Gedanke kann ein guter Anlass für eine Frage sein, auch wenn er noch keine gesicherte Antwort ist. Die Nachbereitung einer Aufstellung knüpft daran an. Bei On Perception verbinde ich Gespräch und Prozessarbeit im Raum im persönlichen Einzelsetting. Den Rahmen vor Ort, Dauer, Kosten und Anfrage finden Sie bei den systemischen Einzelaufstellungen in Berlin.

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